Krieg als Krise der Gesellschaft?
Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bietet sich ein dringlicher Anlass, sich erneut an die Schrecken des Krieges zu erinnern. In der unmittelbaren Gegenwart ist es zutiefst beunruhigend, den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine weiterhin in vollem Gange zu erleben. Die Zeugenschaft eines verheerenden Terrorakts und der nahezu vollständigen Zerstörung Gazas stellt eine erschütternde Auseinandersetzung mit der Gegenwart dar. Müssen wir der Illusion einer friedlichen Welt, in der Krieg vor allem außerhalb des sogenannten Westens stattfand, nun einen neuen Realismus entgegensetzen? Sollte die Kriegsforschung vertieft werden, die uns zumindest auf kognitiver Ebene mit der Rückkehr des Schreckens konfrontiert? Die Émile Durkheim-Forschungsstelle, die sich der Analyse von Krisen widmet, befasst sich in diesem Jahr verstärkt mit der Geschichte, der Gegenwart und den Strukturen des Krieges. Sie möchte sich nicht nur mit den neuen Modalitäten des Krieges (Cyberwars, Drohnenkämpfe, Abwehrsysteme, biologische Waffen etc.) – also der Technologie des Krieges – auseinandersetzen, sondern auch die ‚Kultur des Krieges‘ mit einbeziehen. Symbolische Repräsentationen in Bild und Film, in literarischen Texten, Kriegstagebüchern, Briefen oder auch E-Mail-Kommunikation aus dem ‚Feld‘ haben für den kulturwissenschaftlichen Zugang zum Phänomen des Krieges eine besondere Bedeutung. Auffällig sind dabei gleichartige Prozesse gesellschaftlicher Transformation, wenn sowohl die funktionale Differenzierung der Sphären von Politik, Wirtschaft, Kultur und Gemeinschaft zusammenschmelzen und auch die schichten- und klassenbezogene vertikale Differenzierung in einem Einheitsgefühl des Kriegserlebens – für einen gewissen Moment der Kriegsbegeisterung – aufzugehen scheint. Wie Kriegsgewinnler:innen und Kriegsversehrte in der Nachkriegsgesellschaft integriert werden oder als Traumatisierte ausgegrenzt bleiben, liefert Stoff für Literaturen und Visualisierungen in Bildern und filmischen Formaten. Gleichzeitig beobachten wir im Prozess der Zivilisation, wie ihn Norbert Elias genannt hat, dass auch die bellistischen Gefühle in normative Ordnungen eingebunden werden, wie das ‚jus ad bellum‘ und das ‚jus in bello‘. Doch auch hier finden neue Gewichtungen im Verhältnis zum humanitären Völkerrecht statt, die das ‚Antlitz des Krieges‘ (Ernst Jünger) verändern. Am ersten Tag werden juristische, soziologische und kunsthistorische Dynamiken des Krieges sowie seine kulturellen Ausdrucksformen und Wahrnehmungen in den Blick genommen. Der zweite Tag richtet den Fokus auf (kunst-)historische Prozesse und künstlerische Ausdrucksformen die Kriege begleiten oder aus ihnen hervorgehen, und fragt nach den normativen Grundlagen und anomischen Zuständen, die sie freisetzen. Ziel der Tagung ist es, den Krieg nicht nur als politisches oder militärisches, sondern als zutiefst gesellschaftliches und kulturelles Ereignis zu verstehen. Die Tagung findet im Kunstmuseum Bonn (Helmut-Kohl-Allee 2) statt.
Summer School
The Interdisciplinary Summer School on Crisis Analysis brought together a diverse group of students, early-career researchers, and tutors to explore the meaning, structure, and analysis of crises in contemporary society. Organized at the University of Bonn and held from May 14 to 16, 2025, the Summer School provided a unique platform for collaborative learning, critical inquiry, and methodological training across disciplinary boundaries. The overarching goal of the Summer School was to develop a clearer, more operational understanding of what constitutes a “crisis.” Participants were encouraged to critically reflect on semantic, intellectual, political, and economic dimensions of crises, comparing German and French perspectives without resorting to simplistic culturalist or constructivist explanations. The organizers are convinced that especially the French sociological tradition provides analytical tools today that go beyond our personal experience as everyday actors affected by multiple crises. In particular, the theories of Émile Durkheim and Pierre Bourdieu will be introduced. These theories not only offer valuable historical insights into crises, but also allow us to analyze current societal challenges and develop potential solutions. Led by: Werner Gephart (Bonn) / Gisèle Sapiro (Paris) / Paul Lagneau-Ymonet (Paris) / Jörg Blasius (Bonn) / Daria Vystavkina (Bonn-Cologne-Odessa) Organized by: Jure Leko (Bonn)
Symposiumsbericht „Discourses of Justice. Indicators of Crises?“
Die Émile-Durkheim Forschungsstelle: Krisenanalyse nimmt sich der zentralen Frage der Gerechtigkeit der postglobalen Zeit an und legt seinen Schwerpunkt auf die vergleichend-historische Analyse von Poly- und Metakrisen. Dabei gilt es sowohl die Eigenlogik/Eigenrationalität der einzelnen Krisensphären als auch deren Verflechtung zu analysieren – mit dem Ziel, das erzeugte Wissen anderen gesellschaftlichen Akteur:innen zur Verfügung zu stellen und mit ihnen in einen Dialog zu treten.
A festival of thought with Homi Bhaba
Im Hinblick auf Homi Bhaba führte der Workshop zu einem intensiven Austausch mit all jenen, die am ehemaligen Käte Hamburger Kolleg zu einer postkolonialen Sicht auf „Recht“ und die Fragen der Gerechtigkeit für den Ort des Rechts und der Normativitäten beigetragen haben.
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