Émile Durkheim Forschungsstelle: Krisenanalysen

Willkommen in der Émile Durkheim-Forschungsstelle: Krisenanalysen

Émile Durkheim Saal
© Privat

Die Émile Durkheim-Forschungsstelle legt seinen Schwerpunkt auf die vergleichend-historische Analyse von Poly- und Metakrisen des 21. Jahrhunderts.

Sie basiert auf den Prinzipien der Internationalität, der Interdisziplinarität,  dem Fellowprinzip und der Bildung einer thematisch auf „Krisenanalysen“ fokussierten Lerngemeinschaft durch Fellowships, welche unterschiedlichen Disziplinen und Regionen bezeichnen, die in postglobalen Zeiten von besonderer Bedeutung sind.

Die Forschungsagenda ist in aufeinander aufbauende Phasen gegliedert:

Präludium: Gerechtigkeitsdiskurse und Krisen von Gerechtigkeit und die Krise des Rechts

Erste Phase: Krieg als Krise der Gesellschaft

Zweite Phase: Klimawandel als Krise der Natur

Dritte Phase: Pandemieerfahrung als Krise der Demokratie


Wir sind in die Adenauerallee 131 umgezogen

Aus der weißen Villa in der Argelanderstraße 1 sind wir umgezogen in die ehemalige Ermekeilvilla (Adenauerallee 131) gegenüber vom Museum König. Hier werden wir die erste Etage mit der Émile Durkheim-Forschungsstelle: Krisenanalysen sowie das EU-Projekt "Law in Crisis" bespielen, das am 1. September 2026 anläuft.

Wir freuen uns auf den Austausch mit dem "Impulse"- Haus und die sich abzeichnenden Synergieffekte! 

Neuigkeiten

Bericht: Climate Change as a Crisis of Nature?
Einleitung: Climate Change as a Crisis of Nature? Gegenwärtige Krisen scheinen nahezu jeden Aspekt der menschlichen Existenz und alle Sphären der Spätmoderne zu betreffen. Die Émile-Durkheim Forschungsstelle: Krisenanalyse nimmt sich diesen zentralen Fragen im postglobalen Zeitalter an und legt seinen Schwerpunkt auf die vergleichend-historische Analyse von Poly- und Metakrisen. Dabei gilt es sowohl die Eigenlogik/Eigenrationalität der einzelnen Krisensphären als auch deren Verflechtung zu analysieren – mit dem Ziel, das erzeugte Wissen anderen gesellschaftlichen Akteur:innen zur Verfügung zu stellen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Unser erstes Jahresthema „Discourses of Justice. Indicators of Crises?“ verknüpfte die Krisensemantik mit Fragen der Gerechtigkeit, da Krisen zunehmend auch als Erfahrungen sozialer Ungleichheit, politischer Ohnmacht oder Wut über Lebensbedingungen wahrgenommen werden. Der letztjährige Fokus auf „Krieg als Krise der Gesellschaft“ richtete den Blick auf die Geschichte, Gegenwart und Struktur des Krieges sowie auf die Rolle von Technologie und Kriegskultur in gesellschaftlichen Transformationsprozessen. An diese beiden Perspektiven knüpft das diesjährige Thema an, indem es den Klimawandel als eine überbordende globale und möglicherweise irreversible Krisenverdichtung in den Mittelpunkt stellt. Denn der menschengemachte Klimawandel ist nicht nur eine ökologische Herausforderung, sondern eine Krise, welche die Grundlagen unseres Verhältnisses zur Natur, unseren Mitmenschen und Nicht-Menschen, zu gesellschaftlicher Verantwortung und unserer zukünftigen Lebensform auf dem Planeten Erde in Frage stellt. Die Tagung geht dabei von der Einsicht aus, dass sich die Krise in mehreren Dimensionen zeigt und unterschiedliche Lösungsstrategien initiiert: in religiösen und kulturellen Deutungen, in Fragen politischer Steuerung und globaler Verantwortung, in ökonomischen Interessen und Konflikten, in der Kunst sowie in normativen Vorstellungen von Gerechtigkeit und den Rechten der Natur. Im Spiegel dieser Entwicklung stellt sich erneut die Gretchenfrage, wie wir zusammenleben wollen und wer wir als Gesellschaft im Verhältnis zu Natur sind. Der Klimawandel berührt damit tiefgehende Strukturen und Dynamiken spätmoderner Vergesellschaftung und fordert dazu heraus, das Verhältnis von Mensch, Natur und sozialer Ordnung neu zu bestimmen. Programm Vor diesem Hintergrund organisierte die Émile-Durkheim-Forschungsstelle ein Symposium mit dem Titel „Climate Change as a Crisis of Nature?“, an dem renommierte internationale Gäste aus unterschiedlichen Disziplinen teilnahmen.
Habermas‘ Bedeutung für die Analyse einer heutigen „Krise des Rechts“
Der Tod von Jürgen Habermas erinnert an die große Bedeutung seiner Theorie für das Verständnis einer heutigen „Krise des Rechts“. Seine Theorie des kommunikativen Handelns prägt weiterhin kultursoziologische Analysen des Rechts, wie sie auch an der Émile Durkheim Forschungsstelle verfolgt werden. Angesichts aktueller Gefährdungen von Rechtsstaatlichkeit und internationaler Ordnung bleibt sein Einsatz für eine demokratische Rechtsgemeinschaft in Europa richtungsweisend.
Josef Iseensee: Hermeneutik in der Reihe "Recht als Kultur" von der Juristenzeitung (JZ) zum Buch des Jahres gekürt
Es ist uns eine besondere Freude, einmal wieder eine Publikation aus unserer Reihe „Recht als Kultur“ benennen zu können, die es in die „charts“ geschafft hat, als von der Juristenzeitung (JZ) gekürtem Buch des Jahres. So wurde es auf der Buchmesse jüngst verkündet:  Isensee, Josef: Hermeneutik Studien über den Umgang der Jurisprudenz mit Normtexten im Vergleich zur biblischen Theologie und zur Literaturwissenschaft2023. XXVI, 422 Seiten. Kt 49,00 €ISBN 978-3-465-04607-3Recht als Kultur 30, hrsg. von Werner Gephart Auch als e-book erhältlich
Key Note by Raja Sakrani on Citizenship and freedom of belief: An impossible pluralism in the Islamic context?
Raja Sakrani will give in the context of the Summer School Programme: "Citizenship and religious pluralism" the Key Note on the topic on Citizenship and freedom of belief: An impossible pluralism in the Islamic context? As part of the Anawati Chair “Combating Religious Extremism through Interfaith Dialogue,” the Dominican Institute for Oriental Studies in Cairo, in partnership with the University of Insubria (Varese and Como), is organizing a Summer School in July 2025 on the theme of citizenship and religious pluralism. From an interdisciplinary perspective, the Summer School will welcome 25 students enrolled in doctoral studies or having defended their theses in 2023 or 2024, from all the universities and university institutes in the Mediterranean basin that are working on this issue within their discipline (political science, law, history, philosophy, theology, economics)

Veranstaltungen

Book Launch "Discourses of Justice"
Zoom
16:00 - 17:30
We would like to invite you to discuss our upcoming Book with Klostermannverlag about the development of discourses of Justice. The everyday use and labeling ...
Climate Change as a Crisis of Nature?
Universität Bonn, ...
09:00
Climate change represents not only an environmental transformation but a profound social, cultural, economic, political, and legal crisis. This ...
Krisensemantik und Sphärenmetaphorik
Türk-Alman Üniversitesi ...
14:00 - 17:00
Prof. Knoll und Prof. Gephart verbinden in ihren Vorträgen "Michael Walzers pluralistische Gerechtigkeitstheorie: Eine Einführung in Walzers Sphären der ...
Krise des Rechts oder Genese einer neuen Rechtskultur?
Online
15:00 - 18:00
Vielleicht müssen wir – über den üblichen Empörungsgestus hinaus – den Schritt wagen, statt einer bloßen „Krise des Rechts“ die Genese einer „neuen ...

Die Forschungsstelle

An der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn wird eine thematisch zentrierte Forschungsstelle zur Analyse von Gegenwartkrisen als weiteres Wissensformat der Exzellenzuniversität eingerichtet.

Sie ist den Prinzipien der Internationalität, der Interdisziplinarität sowie dem Fellowprinzip verpflichtet, das in einer Lerngemeinschaft zu neuen Fragestellungen und Lösungsansätzen gelangen möchte. Mit Émile Durkheim (1858-1917) knüpft es nicht nur an eine Gründerfigur der Sozialwissenschaften an, sondern öffnet den Blick für weltweite Rezeptionen von Marcel Mauss bis Pierre Bourdieu und Bruno Latour, Mary Douglas bis Cotterell, Talcott Parsons und J.C. Alexander, um nur einige zu nennen. Angesichts einer verspäteten Rezeption Durkheims in Deutschland bietet es sich an, den Autor zu ehren, der durch seine Studienaufenthalte in Deutschland geprägt wurde, das ihn im Nationalsozialismus zugleich verfemt hat. Trotz einer Fokussierung auf die Sozialwissenschaften, bietet gerade Durkheim zahlreiche Anknüpfungspunkte, die Wissenschaftskulturen zwischen Geistes- und Kulturwissenschaften sowie Naturwissenschaften zu überspannen und in einen fruchtbaren Dialog zu versetzen.  

Die Forschungsstelle
© Jörgen Rumberg, Axel Grunhöfer, Werner Gephart
Multiple Crisis, 2023.jpg
© Werner Gephart

Forschungsziele

Hierbei ist dem Krisenbegriff, den Durkheim in der Arbeitsteilungsstudie für die sog. „anomische“, also nicht aureichend regulierte Arbeitsteilung reserviert, ein Appellcharakter eingeschrieben. Sobald ein Phänomen als krisenhaft erfasst und in der Öffentlichkeit als solches definiert wird, wird zum Handeln aufgerufen. Dabei ist die Frage offen, was sich aus bereits überwundenen Krisen lernen lässt: dem Erdbeben in Chili, der spanischen Grippe, an der Max Weber 1920 verstorben ist (!) oder dem Schrecken der Weltkriege. Hierbei sind unübersehbar viele Einzelanalysen und Bewältigungsvorschläge entstanden, die freilich nicht auf den Prüfstand der vergleichenden Analyse gestellt wurden. Wie steht es um die Perzeption und Definition dessen was als „Krise“ gilt, also die „découpage de l’objet“ wie Durkheim es nennt? Gibt es Gemeinsamkeiten in der Dynamik der Krisenentfaltung und der strukturellen Umbrüche, die hiermit verbunden sind? So wurden postsozialistische Gesellschaften häufig als „anomische“ Transformationen beschrieben. Gibt es vergleichbare Bewältigungsstrategien, die auch transfertauglich sind? Und schließlich sind Krisen offensichtlich auch ineinander verflochten, um zu Kumulationen und scheinbar unauflösbaren Verstrickungen zu führen, von denen das deutsche Verfassungsrecht und seine Richter in Karlsruhe im Urteil vom 17. November 2023 zunächst nichts wissen wollten, indem die Übertragung der Mittel, die der Bund 2021 ursprünglich zur Bekämpfung der Corona-Krise bereitgestellt hatte, nicht für den Klimaschutz, also die Natur-Krise, genutzt werden darf. Bedürfte es also eines universalen Ausnahmezustandes oder anderer verfassungsrechtlicher Möglichkeiten, der Verflechtung der Krisen Rechnung zu tragen? 

Und wie könnten solche Interdependenzen aber unterbrochen werden? Wie begegnet man dieser scheinbar unauflöslichen Verflechtung von „Polykrisen“, ohne die Kräfte systemischer und personaler Resilienz zu verlieren?

Forschungsmethoden

Angesichts einer derartig komplexen Problemstellung ist es offensichtlich, dass diese Fragen nicht von der Einzelforscherin oder dem Einzelforscher analysiert und möglicherweise beantwortet werden können. Und es reicht auch nicht, sich auf eine einzige Disziplin zurückzuziehen, sondern nur im Zusammenwirken der Wissenschaftskulturen von Natur- und Geisteswissenschaften scheint dies möglich zu sein. Ist die ökologische Krise bereits eine globale, so gilt dies auch für Krisenerscheinungen der Demokratie oder Fragen der Sinnstiftung. Umso mehr ist es erforderlich, aus einer eurozentrischen Perspektive auszuscheren, um sich von der Problemdefinition, der Bildung analytischer Kategorien bis zu ihren Lösungsansätzen mit der Sichtweise anderer Kulturen der Welt grundlegend auszutauschen. In ihrer wissenssoziologischen Studie „De quelques formes primitives de classification“ (1906) haben Émile Durkheim und sein Neffe Marcel Mauss gezeigt, dass vermeintlich universale Kategorien wie „Zeit“ und „Raum“ sozialstrukturell und kulturförmig bedingt sind. In Zeiten tiefgreifender postkolonialer Debatten, die bereits als Krise des „alteuropäischen“ Denkens wahrgenommen wird, müssen wir uns anderen Denkkulturen aufschließen bis auf unsere Grundbegrifflichkeiten hin, ohne den okzidentalen Bezug beliebig aufzugeben.   Bei diesem Vorhaben wird es wichtig sein, die Kräfte der Bonner Exzellenzuniversität mit hochkarätigen Wissenschaftlern aus aller Welt zusammenzuführen. Eine Verknüpfung ließe sich über die Kombination von Querschnittsgruppen und auf Jahresthemen der Krisenanalyse bezogene Forschergruppen erreichen. Hierbei auch über die Bedingungen von Kreativität nachzudenken und diese zu reflektieren, unter Einbeziehung von bildhafter Imagination und Analytik, wird die Aufgabe der einen Querschnittsgruppe sein, sowie die Zusammenführung von Ergebnissen der Jahresthemen in dem Vorhaben, eine historisch-vergleichende Krisentheorie in einer zweiten Gruppe zu entwickeln.

Die Bonner Exzellenzuniversität bietet für ein solches Vorhaben einen herausragenden Standort an, der nicht nur aus den Kompetenzen der Bonner Universität erwächst, sondern auch auf der Präsenz zahlreicher internationaler Organisationen beruht, die in der Bundesstadt Bonn angesiedelt sind.

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37 a 01. Le monument au sociologue inconnu (Robin), 1998.jpg
© Werner Gephart
La condition humaine, 2016 2023.jpg
© Werner Gephart

Mehrwert für Universität und Gesellschaft

Es besteht eine große Einigkeit unter vielen Forscherinnen und Forschern auf der Welt, dass die Zeit der Glasperlenspiele und die „intellektuelle Feinschmeckerei“ vorbei sind. Émile Durkheim hat den Wertbezug der intellektuellen Arbeit in seinen Stellungnahmen zur Dreyfus-Affäre, aus der die Figur des „Intellektuellen“ überhaupt erst entstanden ist, sehr eindrucksvoll dokumentiert. Die Wissenschaften sind aufgefordert, sich den besonderen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen und ihren Beitrag zu leisten. So hat die Präsidentin der DFG, Katja Becker, das Jahr 2023 mit dem Beitrag „Wissenschaft und die Bewältigung von Krisen“ eröffnet. Die Aufgabe der Wissenschaften besteht u.E. also darin, sich der Komplexität zu stellen und nach innovativen wissenschaftlichen Lösungen mit aller Kraft zu suchen und diese zu vermitteln. Die Émile Durkheim-Forschungsstelle an der Exzellenzuniversität Bonn bietet einen idealen Ort, um diese Herausforderung anzunehmen.

Anreise mit Bus und Bahn

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