Freitag
In der Eröffnung rief Werner Gephart die harten physikalischen Fakten wissenschaftlich messbarer Veränderungen in Erinnerung: steigende Treibhausgaskonzentrationen, ein zunehmender Strahlungsantrieb, die Erwärmung der Ozeane und der globalen Oberflächentemperatur, die gleichzeitig mit dem Rückgang der Kryosphäre, der Ozeanversauerung, dem Meeresspiegelanstieg und einer Zunahme von Extremwetterereignissen einhergehen.
Danach lenkte er den Blick auf den gesellschaftlichen Riss, wo Klimaleugner und ihre Gesinnungsgenossen - Rechtspopulisten und Nationalisten, ökonomische Interessensgruppen, Libertäre, Evangelikal-fundamentalistische Gruppen und Wissenschaftsfeinde – durch Desinformationen versuchen, die Dringlichkeit als auch den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel kleinzureden und stellte die Konferenz leitende Frage, woher noch kritische Impulse erwachsen mögen, die Motive für eine Naturbewahrung und eine systemische Reaktion auf Klimawandelfolgen prämieren, ohne dabei in ein konservatives Fahrwasser der Herstellung vormoderner gesellschaftlicher Verhältnisse zu verfallen?
Anna-Katharina Hornidge nahm bei ihren einleitenden Worten zunächst eine Metaperspektive ein, bei der sie die erkenntnistheoretischen Herausforderungen und epistemischen Hierarchien im wissenschaftlichen und politischen System thematisierte. Bei einem Verständnis der Klimakrise als Polykrise ging sie auf regionalspezifische Besonderheiten ein und veranschaulichte diese anhand der Folgen extremer Wetterereignisse.
Christoph Antweiler gab mit seiner Keynote „Anthropocence – A Conceptual Earthquake for Established Concepts of Nature?“ den ersten grundlegenden Denkanstoß, indem er das Erdzeitalter des Anthropozän als konzeptionellen Bruch mit etablierten Naturverständnissen darstellte, als eine Art „Erdbeben“, das bisherige Unterscheidungen zwischen Mensch und Natur auf Grund der Irreversibilität der Eingriffe des Menschen in Natur ins Wanken bringe. Nach seiner Darstellung der Auswirkungen menschlichen Handelns auf Natur und was „Natur“ in einer globalen Perspektive überhaupt noch bedeute, plädierte er dafür eine planetarische Perspektive einzunehmen (im Gegensatz zur eher lokal ausgerichteten Ökologie), in der wir als „Erdlinge“ – ausgestattet mit Handlungsfähigkeit, aber auch ökologischer Abhängigkeit und Kontrollverlust ausgesetzt– uns grundlegend der Volatilität der Natur und der Unumkehrbarkeit des Lebens bewusst werden sollten, anstatt wohltarierte Gleichgewichte in der Ökologie, Resilienz, Nachhaltigkeit anzustreben. In diesem Sinne erweiterter er die grundlegende Frage der Konferenz um den Modus des Zusammenlebens: Wie können die miteinander verbundenen Kulturen der Menschheit auf einem Planeten koexistieren, der durch menschliches Handeln schwer geschädigt wurde, ohne dass alle gleich werden müssen?
Diese Frage griff Werner Gephart in seinem Vortrag „The Re-Sacralisation of Nature: Will it Save the World?“ auf. Unter Rückgriff auf soziologischen Betrachtung von Religion und dem Verhältnis zur Natur und vergleichende Perspektiven aus den Weltreligionen - Protestantismus, Daoismus und Konfuzianismus, Shintoismus, Buddhismus, der islamischen Welt oder Vorstellungen indigener Völker in Südamerika - argumentierte er, dass die ökologische Krise und die Betrachtung von Natur nicht nur unter technischen oder politischen Gesichtspunkten verstanden werden können, da sie gleichermaßen auch eine Krise der Sinnhaftigkeit, der moralischen Orientierung und der kulturellen Vorstellungskraft sei. Besonders eindrucksvoll war sein Hinweis darauf, dass nicht die (viel gescholtene(n)) Religion(en) an sich, sondern vielmehr die ungebremste Kraft der Säkularisierung und die damit einhergehende Reduzierung und Rationalisierung der Natur auf kurzfristigen Nutzen und ökonomischen Gewinn dazu beigetragen hätten, ihre Ausbeutung zu legitimieren. Könnte in diesem Sinne nicht eine Re-Orientierung zu einer „Sakralität“ und symbolischen Aufwertung der Natur durch einen weltweiten interreligiösen Dialog der Kulturen die sozialen und kulturellen Grundlagen des Umweltschutzes stärken?
Saida Mirsadris Vortrag „Rethinking Human-Nature Relations in Islamic Thought under Ecological Crisis“ über islamisches Denken und die ökologische Krise zeigte wohl, wie religiöse Traditionen ethische Perspektiven auf die Verantwortung des Menschen gegenüber der Umwelt bieten können. Hierbei brachte Sie vor allem Positionen eines islamischen Ökofeminismus zur Sprache, der sich nicht allein auf koranische Herleitungen beschränkt.
Die Vormittagssitzung machte insgesamt deutlich, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur niemals einfach gegeben ist; sie wird durch Geschichten, Symbole, Weltanschauungen und Denktraditionen geprägt. Diese Annäherung an das Verhältnis von Mensch und Natur im Anthropozän bildete einen wichtigen Hintergrund für den Übergang zu praxisorientierteren Diskussionen darüber, wie der Klimawandel durch Governance-Strukturen bewältigt werden kann. Zugleich wurde deutlich, dass diese Debatten wiederum selbst von teilweise stark divergierenden Annahmen darüber geprägt sind, was Natur ist, wie der Mensch zu ihr gehört und welche Verpflichtungen sich aus dieser Beziehung ergeben.
Der Vortrag von Jean Carlo Rodríguez-de-Francisco „Nature for whom? Nature-based Solutions and Environmental Justice“ griff diese Ambivalenz zwischen Theorie(n) und Politik auf und stellte eine auf den ersten Blick einfache, aber eindringliche Frage: Nature for whom? Obwohl solche Lösungen oft als Win-Win-Antworten auf den Verlust der biologischen Vielfalt, die Klimaanpassung und die Wasserknappheit dargestellt werden, zeigte er auf, dass sie auch Ungleichheit reproduzieren oder verstärken können, wenn Gerechtigkeit eher als nachträgliches denn als konstitutives Prinzip der Lösungen behandelt wird. Anhand von Prinzipien der Verteilungs-, Verfahrens- und Anerkennungsgerechtigkeit verdeutlichte er, dass ökologischer Erfolg allein nicht ausreicht. Stattdessen betonte er, dass Fragen der Teilhabe, der Repräsentation und der Anerkennung von lokalem Wissen entscheidend dafür sind, ob Umweltmaßnahmen als legitim und fair empfunden werden und diese somit ein essentieller Bestandteil erfolgreicher Nature-based Solutions darstellen.
Auf diese Weise verlagerte sich die Diskussion auf die praktische und politische Seite der Governance. Die Nachmittagssitzung konzentrierte sich weniger auf symbolische Bedeutungen als vielmehr auf die institutionellen und politischen Bedingungen, unter denen Klimaschutzmaßnahmen organisiert werden. Dennoch kehrten die Themen vom Vormittag in einer anderen Form zurück, nämlich als Fragen nach Wissen, Autorität und Machthierarchien in der (Umwelt-)Entscheidungsfindung.
Yousra Abourabis Beitrag „Governance Challenges in Africa“ zu den Herausforderungen der Umweltgovernance in Afrika beleuchtete die Spannungen, die entstehen, wenn globale Umweltnormen von westlichen Wissenshierarchien geprägt und anschließend als vermeintlich universelle Modelle exportiert werden. In ihrem Vortrag betonte sie, dass nicht nur die historischen Initiativen afrikanischer Akteure heruntergespielt werden, sondern die mangelhafte Umsetzung der gesetzten Indikatoren kritisiert werde, welche primär westliche Industriestaaten gut dastehen lassen, ebenso wie die Forderung nach nachholender Entwicklung - die als Pointe von klimaschädlich industrialisierten Ländern - als „ökologisch unvernünftig“ bewertet werde. Aus dieser Perspektive hänge eine sinnvolle Transformation der afrikanischen Klima- und damit auch Industriepolitik davon ab, die afrikanische Handlungsfähigkeit zu stärken und regionale Initiativen sowie Wissenstraditionen ernst zu nehmen, anstatt Nachhaltigkeit durch industrialisierte westliche Staaten vorgesetzt und vermittelt zu bekommen, die hauptsächlich nur zu einer „Beraterökonomie“ geführt habe.
Conrad J. Schetters Beitrag „Global Risk, Conflicts, and the Impossible Global Risk Society“ betonte, dass der Klimawandel mit umfassenderen Systemen der Unsicherheit interagiert, anstatt von diesen getrennt zu sein. So verstärkt der Klimawandel die Vulnerabilität gesellschaftlicher Gruppen und kann zu einer sich selbst verstärkenden Gewaltdynamik führen, wie Conrad Schetter am Beispiel des Darfour-Konflikts darlegte. Insofern ist Klimawandel ein risk multiplier, dessen zerstörerische Folgen weit über den Klimawandel hinausgingen. Versteht man Klimawandel nicht von seinen Risiken her, sondern auch als Chance, dann lässt sich ein „environment peace building“ imaginieren, so das Beispiel von Kolumbien.
Anna-Katharina Hornidges Keynote „Environmental Governance: Failures and Fallacies“ erweiterte diese Themen zu einer umfassenderen Reflexion über das sich wandelnde Verhältnis zwischen Wissen, Wissenschaft und Umweltpolitik in Zeiten, in denen die Autorität der Wissenschaft selbst durch politische Polarisierung, Autokratisierung, Desinformation und geschwächte multilaterale Strukturen zunehmend ins Wanken geraten ist. Sie argumentierte, dass die aktuellen Herausforderungen der Nachhaltigkeit nicht mehr durch lineare, wachstumsorientierte und sektoral isolierte Formen der Wissenschaft bewältigt werden können, sondern transdisziplinäre und transformative Formen der Wissensproduktion erfordern. Ihre Analyse des sich wandelnden Macht-Wissens-Zusammenhangs zeigte, dass die Wissenschaft nicht länger einfach nur neutrale Fakten für die Politik liefern kann, sondern Governance, Institutionen und Zukunftsvisionen aktiv mitgestalten muss. In Anlehnung an das „Anthropozän“ stellte sie zudem die Entstehung der „Anthroposcience“ oder transformativen Wissenschaft in den Raum: einer Wissenschaft, die sich nicht auf eine rein externe Beobachtung beschränkt, sondern ökologische und soziale Verantwortung explizit in die Forschungspraxis einbezieht. Generiertes Wissen für die Umweltpolitik müsse nicht nur die Welt erklären, sondern auch dazu beitragen, den Wandel in ihr zu steuern. Dies bildete einen starken konzeptionellen Abschluss der Governance-Sitzung: Umweltpolitik scheitert nicht nur an schwachen (erodierenden) Institutionen, sondern auch daran, dass die Wissensformen, auf die sie sich stützt, oft zu eng gefasst, zu fragmentiert oder zu weit entfernt von den sozialen Welten sind, auf die sie Einfluss nehmen will.
Die von Niklas Wagner moderierte Abschlussdiskussion „The Climate-Nature Nexus in the Triple COP Year: Discourses Shaping Practice across the Rio Conventions“ zum Zusammenhang zwischen Klima und Natur im Jahr der drei COP-Konferenzen verband diese Diskussionen mit der breiteren internationalen politischen Klimaagenda und-praxis, wobei sich in der lebhaften Diskussion die Frage stellte, ob wir die vielfach untrschätzte, affektive Dimension des Verhältnisses zu Natur und Landschaft, also „die Liebe zur Natur“ in einer ökologischen Pädagogik nicht sehr viel massiver fördern müssten.
Samstag
Der Samstagvormittag begann mit einem Gespräch mit der australischen Künstlerin Janet Laurence unter der Prämisse „The Breath in Art: Can Art Crate the Space for Healing“. Ihre Präsentation von Werken wie „After Nature: Theatre of Trees“ oder „Deep Breathing Resuscitation for the Reef“ im Wege von beeindruckenden Slide-Shows und Videoeinspielungen verdeutlichte die Zerbrechlichkeit der Natur im Kontext des Klimawandels und zeigte, wie Kunst die Aufmerksamkeit auf das inhärente (zerbrechliche) Wunder der Natur lenken kann, ohne dass das Werk sich zu einer bloßen, durch Ästhetisierung erzeugten „Landschaft“ verwandelt. Der Drang, menschliche Zerstörung zu heilen, dargestellt durch die Imagination von „Krankenhäusern für Korallen“, stand dabei in einem Kontrast zu einer tiefen Trauer des Memento mori der Exponate von unwiderruflich zerstörter Natur. Ihre Kunst ist damit nicht nur Illustration oder Dekor des Hässlichen, sondern fordert dazu heraus, sich emotional mit ökologischem Verlust auseinanderzusetzen und sich für den Schutz und die Wiederherstellung der Natur einzusetzen. Janet Laurences Engagement unterstreicht die Bedeutung der sinnlichen und reflektierenden Kraft künstlerischer Praxis im Umweltdiskurs und ist ein Anstoß für politisches Handeln, wobei sich hier auch ein Anschlusspunkt für die von Werner Gephart aufgeworfene Frage einer Re-Sakralisierung der Natur als Ausweg der Zerstörung durch einen möglichen „Tempel der Natur“ finden kann.
Anschließend widmete sich Pierre Brunet mit „The Rights of Nature: between Law and Environmental Ethics“ den Problemen der juridischen Konstruktion von Rechten der Natur und deren Umsetzung. Auch hier geht es ja um ein kategoriales Erdbeben. Sein Vortrag zeigte, dass die Rechte der Natur – „do rocks have rights“ - zu einer zunehmend wichtigen, aber umstrittenen rechtlichen Neuerung außerhalb des klassischen Umweltrechts geworden sind, da sie auf einen tiefgreifenden Wandel in unserer Wahrnehmung der Beziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen hinweisen. Akteure in diesem Feld haben es sich zum Ziel gemacht die Vorstellung von Natur so zu verändern, dass sie nicht länger als Ressource, Objekt, Gut oder Ware betrachtet wird, die sich aneignen lässt und keinen anderen als instrumentellen Wert besitzt als jenen, den ihr die Marktwirtschaft zuweist. Indem er die rechtsdogmatischen Debatten in unterschiedlichen Öko-Rechtskulturen seit den 1960er Jahren nachzeichnete und Beispiele wie Ecuador, Bolivien, Neuseeland, Kolumbien und Spanien erörterte, verdeutlichte er sowohl die wachsende normative Kraft ökozentrischer Argumente für die Judikative als auch die Grenzen bei der Umsetzung durch Politik und Verwaltung. Diese Entwicklung führt dazu, dass Gerichte und Beratungsgremien versuchen, der Politik Grenzen zu setzen, auch auf die Gefahr hin, Spannungen mit der Gewaltenteilung zu erzeugen. Schlussendlich sieht er, dass eine ökozentrische Auslegung des Rechts sich zunehmend durchsetzt, die auf der Anerkennung der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Menschen und Nicht-Menschen beruht und hieraus juristische Ansprüche ableitet.
Vor diesem Hintergrund der vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Natur lenkte Ines Dombrowsky die Aufmerksamkeit über die notwendigen gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen, die in langfristigen Transformationsszenarien zur Erreichung der SDGs und des 1,5-°C-Ziels modelliert wurden, mit einem besonderen Augenmerk auf Governance-Modellen, politischen Instrumenten und einem kohärenten Policy-Mix: „Sustainable Development Scenarios: Reflections on Societal and Policy Assumption“. Sie zeigte auf, dass solche Szenarien stark auf wirtschaftliche und regulatorische Instrumente setzen und im Vergleich zu älteren Klimaszenarien die politische Kohärenz erhöhen können, dass sie jedoch auch auf anspruchsvollen Hintergrundannahmen wie einer effektiven Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit, institutioneller Kapazität oder ganz grundlegend Frieden beruhen, was stark an ihrer Realisierung unter den aktuellen geopolitischen Bedingungen zweifeln lässt, aber nichtsdestotrotz praktische Wege aus der Krise aufzeigen können.
Der Vortrag von Daniel Grana-Behrens vertiefte die konzeptionelle Dimension des Tages, indem er die Frage stellte, was „Natur“ unter den gegenwärtigen Krisenbedingungen noch bedeutet: „What Nature? The Epistemological Crisis as an Ontological Crisis – From Anthropology to Sociology”. Die erkenntnistheoretische Krise der Naturfrage (Was wissen wir?) habe sich inzwischen zu einer ontologischen Krise (Was ist sie?) gewandelt, ohne dass das eine Vorrang vor dem anderen habe. Damit stellte er die These in den Raum, „Natur“ nicht länger als stabiles und selbstverständlich brauchbares Konzept zu behandeln, sondern als einen Begriff, der selbst unter Krisenbedingungen neu hinterfragt werden muss. Ausgehend von der Anthropologie, der ontologischen Wende sowie posthumanistischen und ökologischen Debatten untersuchte er Positionen, die von „keiner Natur“ bis hin zu pluralistischen und prozessualen Verständnissen reichten, und führte damit die Konferenzdiskussion über Umweltbelange hinaus hin zu einem grundlegenderen Umdenken darüber, wie unterschiedliche Krisen entstehen und welche Rolle der Mensch darin einnimmt. Seine Schlussgedanken ließen sich dabei als dreifache Perspektive auf Krisen der „Natur“ fassen: Die Ökologische Krise, wo anthropozänisch denken und das indigene Konzept der „Nicht-Natur“ ernst nehmen solle; Die Naturkrise, wo man ökologisch denken und auf die Belange der Nichtmenschen blicken solle, um einen neuen Universalismus jenseits der Natur zu finden; Die Ontologische Krise, wo man posthuman denken und einen neuen Universalismus entwickeln solle, der alle Arten von Natur umfasst, um zu verstehen, wie unterschiedliche Welten gemeinsam entstehen.
Abschließend zeichnete Richard Münch den soziologischen Horizont des Klimawandels als strukturelle Bewährungsprobe der Moderne und stellte Paradoxien, nicht Widersprüche, als analytische Perspektive in den Raum: „Climate Change: The Culture of Modernity in Reflexive Self-Confrontation“. Er argumentierte, dass der Klimawandel nicht als externe Störung, sondern als interne Konsequenz der normativen Prinzipien der modernen Gesellschaft selbst betrachtet und aus ihnen heraus auch angegangen werden sollte. Indem er seine Analyse an den Paradoxien von Rationalismus, Individualismus, Universalismus und Interventionismus als „Kultur der Moderne“ ausrichtete, zeigte er auf, warum trotz des Wissens um die Gründe der Klimaveränderungen es keine entsprechenden Versuche zur Lösung der Klimakrise gibt, sondern stattdessen immer wieder neue paradoxe Strukturen der Moderne hervorruft. [TG1]
In Kürze: Mehr Wissen erzeugt demnach mehr Unsicherheit, individuelle Verantwortung verdeckt strukturelle Abhängigkeiten, globale Solidaritätsansprüche kollidieren mit nationalen Interessen, und jede Intervention produziert neue Nebenfolgen, die weitere Eingriffe notwendig machen. Der Klimawandel erscheint damit als permanentes Problem der Moderne, das sich allein in einer reflexiven Form des Umgangs mit Unsicherheit, Verantwortung und politischer Steuerung bearbeiten lässt, ohne paralysiert zu werden. Politische Entscheidungen sollten deshalb im Sinne Poppers als „Hypothesen“ verstanden werden, die jederzeit überprüf- und veränderbar sind. Gerade deshalb sei Demokratie als Staatsform die beste Möglichkeit für die „westliche Moderne“, auf den Klimawandel zu reagieren, weil sie, und das ist ganz entscheidend, Fehler korrigieren und gleichzeitig Legitimität erzeugen kann, um das Paradox der notwendigen „rapic action“ mit Korrekturvermögen auszugleichen.
Resümee
In der Gesamtschau wurde deutlich, dass die Klimakrise weit über eine ökologische Problemlage hinausgeht. Sie erscheint zugleich als Krise der Naturbegriffe, der kulturellen Deutung, der rechtlichen Ordnung und der politischen Handlungsfähigkeit. Die Beiträge öffneten den Blick für die symbolischen, theologischen und erkenntnistheoretischen Dimensionen des Verhältnisses von Mensch und Natur, stellten aber auch die institutionellen, rechtlichen und governance bezogenen Konsequenzen dieser Krise in den Mittelpunkt. Was die verschiedenen Vorträge verband, war die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass „die Natur“ nicht länger als passiver Hintergrund der Menschheitsgeschichte betrachtet werden kann; vielmehr ist sie zu einem umkämpften Schauplatz geworden, an dem sich ästhetische Wahrnehmung, normative Ansprüche, Annahmen zur Regierungsführung, ontologische Unsicherheit und soziale Paradoxien überschneiden.
Am Ende stand damit nicht die Vorstellung einer einfachen Lösung, sondern die Einsicht in die Notwendigkeit eines reflektierten, lernfähigen und zugleich normativ sensiblen Umgangs mit einer Welt im Umbruch. Die Konferenz machte eindrücklich sichtbar, dass der Umgang mit dem Klimawandel immer auch ein Umgang mit den Voraussetzungen des eigenen Denkens, Urteilens und Handelns bleibt.
Programm & Speakers