16. März 2026

Zum Tode von Jürgen Habermas Habermas‘ Bedeutung für die Analyse einer heutigen „Krise des Rechts“

Habermas‘ Bedeutung für die Analyse einer heutigen „Krise des Rechts“

Der Tod von Jürgen Habermas erinnert an die große Bedeutung seiner Theorie für das Verständnis einer heutigen „Krise des Rechts“. Seine Theorie des kommunikativen Handelns prägt weiterhin kultursoziologische Analysen des Rechts, wie sie auch an der Émile Durkheim Forschungsstelle verfolgt werden. Angesichts aktueller Gefährdungen von Rechtsstaatlichkeit und internationaler Ordnung bleibt sein Einsatz für eine demokratische Rechtsgemeinschaft in Europa richtungsweisend.

Faktizität und Geltung (Jürgen Habermas) 2014
Faktizität und Geltung (Jürgen Habermas) 2014 © Werner Gephart
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Die Ausschreibung des ERC zur “rule of law compliance“ im Juni 2025 war von der großen Sorge motiviert, dass der „Rechtsstaat“, „Etat de droit“, die „Rule of Law“ in Europa in Gefahr ist. Wir haben dies in der Émile Durkheim Forschungsstelle zugespitzt, indem wir in unserem, von der ERC positiv evaluierten, Antrag nicht nur von einer Krise des „Rechtsstaates“ sondern von einer: „Krise des Rechts“ ausgehen, und vielleicht noch weitergehender von einer „Krise des Sollens“. 

In der Begutachtung durch die ERC-Kommission spielte es eine wichtige Rolle, dass der theoretische Ansatz als Fortführung des „Law as Culture Paradigms“ begriffen wurde. Dieser wurde im Käte Hamburger Kolleg „Recht als Kultur“ entwickelt, beruht aber auf Arbeiten, die weiter zurückreichen. In „Gesellschaftstheorie und Recht. Das Recht im soziologischen Diskurs der Moderne“(1993) habe ich den Versuch gemacht, die „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas (1981) für eine umfassendere, kultursoziologische Analyse des Rechts fruchtbar zu machen. So geriet die symbolische und kognitive Konstitution der Welt durch Recht (mit George Herbert Mead und Alfred Schütz) in den Blick, konnte die von Hobbes geliehene ordnungstheoretische Grundfrage nach der Bedeutung des Rechts für gesellschaftliche Ordnungsbildung (mit Talcott Parsons) aufgenommen werden und die systemtheoretische Prononcierung der Systemwelt und der grundlegenden Prozesse der Rechtsbildung mit Niklas Luhmann integriert werden. Mit einer Re-Lektüre von Émile Durkheim als einer „Verrechtlichung des Heiligen“ und einer „Sakralisierung des Rechts“ ließ sich die produktive Durkheim-Lektüre von Jürgen Habermas weiterführen, ebenso wie sich die provokante Deutung Max Webers als einer kommunikativen Konsenstheorie des Rechts in der Interpretation der Kategorie des „Einverständnisses“ verdichten ließ. Insofern hat das Law as Culture Paradigm in entscheidender Weise von der synergetischen Kraft der „Theorie des kommunikativen Handelns“ profitiert!  

Wenn wir heute den Einbruch des Völkerrechts, die Gefährdungen richterlicher Autonomie, die Erosion der Grundgedanken der Gewaltenteilung, die Bedeutung der justiziellen Grundrechte und der Menschenrechte in westlichen Gesellschaften (!) und noch basaler das Prinzip funktionaler Differenzierung der Sphären als solches in Gefahr sehen (so auch in unserer Panel Discussion am 10. Februar 2026, online), dann ist sowohl aus theoretischen Gründen wie praktisch politischen Überzeugungen niemand wie Jürgen Habermas in den vergangenen Jahrzehnten dafür eingetreten, dass dieses Erbe einer demokratisch-dynamischen Ordnung im Medium des Rechts zu bewahren und zu stärken ist. 

In diesem Sinne sehe ich unser Vorhaben in dem EU-Projekt, Rechtskritik (von Goethe bis Kafka) sowohl zu bewahren, wie aber auch die integrativen Funktionen des Rechts in europäischen Gesellschaften so zu verstärken, dass erodierender Rechtsglaube und Vertrauen wiedergewonnen werden, dem Erbe auch von Jürgen Habermas verpflichtet, im Kontext der politischen Ordnung der EU, die sich einmal als „Rechtsgemeinschaft“ konstituiert hat.

Hieran wollte ich – nach dem Tod von Jürgen Habermas – erinnern und zugleich mahnen, dieses Erbe nicht zu verspielen. Es ist auch ein Dank an Jürgen Habermas, der einem unpromovierten Assistenten in den frühen 80er Jahren das kostbare Geschenk gemacht hatte, einem Großmeister beim Denken, in dyadischer Interaktion, zuschauen zu dürfen und sich davon nachhaltig inspirieren zu lassen. 


Prof. Dr. jur. Dr. h.c. Werner Gephart
Émile Durkheim-Forschungsstelle:Krisenanalysen
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Direktor

Ancien Professeur de SciencesPo
Honorary Artist, King's College

Argelanderstraße 1
53115 Bonn
w.gephart@uni-bonn.de/wernergephart@gmail.com
www.edf.uni-bonn.de

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